Kindliche Aggressionen

Patientin:
8 Jahre, weiblich
Beruf:
Schülerin, 3. Klasse Grundschule
Agz:
Gut, leichtes Untergewicht nach der Gewichtsformel der WHO.

Beschwerdebild:
Von Seiten der jungen Patientin lagen keine Beschwerden vor.
Migräne oder Stresskopfschmerzen lagen nicht vor. Die Mutter klagte jedoch, dass das Kind zu unkontrollierten Aggressionsanfällen neige, die schulischen Leistungen hätten sehr nachgelassen und es seien auch schon Beschwerden von der Schule eingegangen. Das Mädchen zeigte sich in der Praxis verständig und kooperationswillig.

Diagnose:
Die Augendiagnose wies das Kind als lymphatischen Typ aus, sonst war der Befund unauffällig. Es lagen unauffällige neurologische Untersuchungsergebnisse (EEG) vor. Herdgeschehen konnten nicht festgestellt werden. Nach Einträufelung eines Tropfens Procain in den Bindehautsack des Auges, trat eine starke Rötung der Sklera auf, was auf eine erhöhte Allergiebereitschaft schliessen liess. Von einer Testquaddel sah ich aus diesem Grunde ab. Die Familienanamnese ergab nichts ungewöhnliches. Eine Abschlussdiagnose war mir nicht möglich.

Vorbehandlung:
Sedativa, die das Kind müde und unkonzentriert machten (schulische Leistungen), auf die Anfälle jedoch keine oder nur geringe Auswirkungen hatten.

Die Behandlung:
Hier handelte ich einmal gegen meinen Grundsatz: "Keine Therapie ohne Diagnose!" Allerdings lag ein Verdacht vor. Aus der genauen Befragung der Mutter ergab sich, dass die Anfälle besonders an den Wochenenden, an und nach Feiertagen und nach den Besuchen der Tante (Schwester der Mutter) auftraten. Es musste hier ein Zusammenhang bestehen. Ich erinnerte mich an einen Artikel, den ich vor einiger Zeit ueber "Theobroma cacao", dem Ausgangsprodukt fuer Schokolade, gelesen hatte. In diesem Artikel wurden die möglicherweise allergisierenden Wirkungen der enthaltenen Linolsäure, Palmitinsäure, Stearinsäure und der Triaglyceride beschrieben.

Da ich einen Zusammenhang zwischen den Aggressionsanfällen und dem Verzehr von Schokolade vermutete, bat ich die Mutter, dem Kind keinerlei Schokoladenprodukte mehr zu gestatten. Erfreulicherweise zeigte sich auch die kleine Patientin sehr verständig und versprach auf Schokolade und Kakao zu verzichten. Die Sedativa liess ich – versuchsweise - ausschleichend absetzen.

Das Resultat:
Nach Einhaltung des Schokoladen- und Kakaoverzichts traten keinerlei Anfälle mehr auf. Sedativa wurden nicht mehr benötigt. Die schulischen Leistungen stiegen wieder an.

Beobachtungszeitraum:
8 Jahre! Die kleine Patientin ist jetzt 16 Jahre alt.

Zusammenfassung:
Offensichtlich lag eine Allergie gegen Schokolade und Kakao vor, die sich nicht physisch, sondern psychisch auswirkte. Es ist durchaus anzunehmen, dass der beschriebene Fall kein Einzelfall ist. Bei hypermobilen und/oder aggressiven Kindern würde ich immer wieder einen Allergietest durch das Ausschlussverfahren durchführen. Vorauszusetzen ist natürlich die Kooperationswilligkeit der Patienten und vor Allem auch der Eltern.

Hp. Kurt W. Seifert

Zurück zur Übersicht "Fallstudien"